Der Schnee
Schlaftrunken rieb sie sich die Augen. Es war nicht oft der Fall, dass sie mitten in der Nacht aufwachte. Sie hatte einen tiefen Schlaf, einen glücklichen Schlaf. Sie gehörte zu den Menschen, die glücklich aufwachten. Einfach nur so, weil sie wieder wach war und nicht mehr müde und schlecht gelaunt. Nur jetzt war sie wach. Sie sah sich im Zimmer um. Der Vorhang war zugezogen, trotzdem fiel etwas Licht vom hungernden Mond durch die Ritzen. Das Zimmer lag so in dünnen Streifen erhellt, ruhig und friedlich in der Nacht. Der Platz neben ihr war leer. Sie hatte ihn gebeten die Nacht im Gästezimmer zu verbringen. Doch gleich danach tat es ihr leid, obwohl er nicht sauer war und vielleicht sogar Verständnis für sie hatte. Trotzdem blieb sie bei ihrer Bitte und ging allein ins Bett. Jetzt ärgerte sie sich über den kalten Platz neben ihr. Erst jetzt wurde ihr klar, dass sie nackt geschlafen hatte. Es musste die Gewohnheit sein nicht mehr allein im Bett zuliegen. Nun war es ihr unangenehm. Sie fühlte sich schutzlos ohne Kleider. Sie stand auf um sich ein T-Shirt überzuziehen. Als sie so im Zimmer stand, nackt vom Licht gestreift, sah sie aus dem Fenster und ihr Atem stockte. Es schneite. Sie trat ans Fenster und zog den Vorhang zur Seite. Es schneite tatsächlich und noch mehr, es war ein richtiger Schneesturm. Als sie zu Bett ging konnte man noch das kränkliche braungrün des Grases sehen, das schmutzig, kalt und feucht im Vorgarten wartete. Nun war der Boden dem Himmel fast einen Meter näher gekommen. Soviel Schnee in so kurzer Zeit hatte sie noch nie gesehen. Sie dachte kurz daran ihn zu wecken. Doch sie rührte sich nicht. Sie stand da und das Licht der Flocken tanzte auf ihrem Gesicht. Ihre Gedanken schweiften zurück zum Vorabend, zu dem Gespräch, zu seiner Frage. Hatte sie falsch reagiert? Vielleicht. Aber sie war überrascht und wollte allein sein. Nun war sie allein – nur der Schnee war bei ihr.
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