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Dido, der Mozarella der bayrischen Radiolandschaft oder Die Heimreise

Sonntag, der Himmel zeigt sich strahlend. Die Sonne erwärmt die linke Wange, bis es heiß wird. Die Autobahn ist fast leer. Nur die nötigen Sonntagsfahrer, die wie ein Hinweisschild, ja es ist Sonntag, die Spuren wechseln. Willkürlich und plötzlich wie man sich die Partnerwahl in der berühmten Kommune1 vorstellt. In bestes Kamikazemanier surren sie wie naive kleine Bienchen von Spur zu Spur. Der Heimweg. Man bricht früh auf, kurz nach dem Frühstück und läßt sich entspannt nach Hause treiben. Die Hände liegen entspannt auf dem Lenkrad und wie gesagt, die linke Wange glüht. Doch so langsam wird es langweilig, trotz aller Harmonie mit der die Straße geteert ist. Der Griff zum Radio – Volksmusik, neuer Sender – Schlager…
Es dauert eine Weile, man ist schon in der vierten Runde und das einzig Faszinierende ist: Wieviele Sender, wie wenig erträglicher Inhalt (manchmal hat man eben keine Lust auf Deutschlandradiohorizonterweiterung. Schließlich ist Sonntag). Doch da, plötzlich – Dido. Das ist doch ziemlich ok. Für den Anfang und vielleicht bedeutet das auch, dass man einen Sender bekommen hat, der vielleicht auch schon eine 20 vor der Jahreszahl hat. Willkommen in der bayrischen Radiolandschaft. Da muss ich an meine Oma denken, während ich Hoffnung schöpfe aus dem dünnen Gesangsfädchen das in mein Ohr eingefädelt wird. Vor kurzem war ich auf einer Familienfeier und es gab als Vorspeise Mozarella, Tomaten, das übliche eben. Meine Großmutter betrachtete das zappelnde Mozarellastück auf ihrer Gabel und fragte: "Wos is denn des für a neimodischs zeig?" Woraufhin meine Freundin entgegnete: "Mozarella."
"Fisch!?" Gut meine Oma ist etwas schwerhörig, gut – gegessen hat sie es eh nicht und als kurz darauf Pet Shop Boys "It's a sin" aus meinen Lautsprechern schallte wußte ich, doch kein Sender für mich. Und so denke ich, dass Dido der Mozarella der bayrischen Musiklandschaft ist – aber aus Kuhmilch. Als ich dann 20 min später auf einem anderen Sender Madonna mit ihrem neuesten Hit hörte wußte ich, das ist der aus Büffelmilch.
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Der Ton macht die Musik

Während in Deutschland der angeschlagene Ton auf Hinweisschildern zwischen neutralem Hinweis und aufoktroiertem Kommando pendelt erhalten sich unsere Nachbarn etwas mehr Höflichkeit.



Bei dieser freundlichen Kundmachung, an einer Straßenunterführung in Wien fällt auch nicht weiter negativ ins Gewicht, dass an allen drei Seiten der Stiegenanlagen ein solches Schild angebracht ist. Bei Schildertreuer Berücksichtigung des Hinweises wäre der arme Mensch in einem Dilemma gefangen, dem er nur durch groben Ungehorsam entgehen würde. Trotzdem sollte man die Höflichkeit zu schätzen wissen, die sich sogar bis ins Fürsorgliche steigern kann, wenn z.B der unbescholtene Fußgänger umsichtig auf die nicht zu unterschätzende Brückensteigung hingewiesen wird.



In der U-Bahn oder in Straßenbahnen wird der Fahrgast somit auch nicht plump und direkt mit dem Verweis auf eine Notbremsung und dem damit verbundenen Hinweis auf die Haltegriffe verängstigt, nein, er wird sorgsam darauf hingewiesen, den "Fall einer Notbremsung zu bedenken", um im gegebenen Fall, die Haltegriffe zu nutzen. Das beruhigt doch die Gemüter und schenkt Kraft, die man braucht, um das etwas hitzigere Gemüt mancher Wiener erwidern zu können.
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The trick is to keep breathing

Im Zug sitzt mir eine Frau, vielleicht Mitte dreißig, gegenüber. Sie trägt eine unmoderne Kurzhaarfrisus und ziemlich langweilige Kleidung. Auf dem Tisch vor ihr steht ein IBM Thinkbook, älterer Generation, deren Tasten sie mit geübtem Zehnfingersystem bearbeitet. Aus einer Seitenfach ihrer Reisetasche ragt die aktuelle Ausgabe der Neuen Züricher Zeitung. Ich bemerke, dass bei ihr im Gegensatz zu mir, beim schreiben die Hände über der Tastatur schweben und sie nicht wie die Handballen auf dem Laptop oder dem Tisch ablegt. Sie hat es gelernt, während ich eine ziemlich wilde selbstgelernte fünf bis acht Fingertechnik ausübe. (Jetzt versuche ich auch, meine Hände beim schreiben schwebend über der Tastatur zu halten. Das funktioniert wirklich gut.) Sie ist nervös. Anscheinend hat sie das Gefühl, dass ich sie bei ihrer Arbeit beobachte, was stimmt, aber ich bin vorsichtig und eigentlich auch ziemlich sicher, dass sie es nicht bemerken kann. Also ist sie anscheinend eh ein nervöser Typ. Ständig setzt sie sich anders hin. Mal schlägt sie die Beine übereinander, mal stellt sie ihre Füße brav geschlossen nebeneinenander. Eigentlich wollte ich auch arbeiten, aber mein Rechner schläft ruhig in meiner Tasche. Ich hatte keine Lust und außerdem sitze ich in einem alten ICE, der nicht an jedem Platz eine Steckdose hat und da der Akku meines Rechners nur noch ein paar Prozent Leistung hat, habe ich ihn stecken lassen. Ich versuche aus dem Fenster zu sehen. Draußen ist es dunkel und was ich sehe ist mein Spiegelbild. Ich sehe müde aus. Auf meiner Stirn streifen Lichter vorbei, die draußen an der Strecke vorbei wischen. Ich erinnere mich an den Tag als ich meine Sachen gepackt habe und Zuhause ausgezogen bin. Ich kann mich erinnern was ich getragen habe und das ich vor Nervosität während der Autofahrt eine ganze Schachtel Zigaretten geraucht habe. Nun sitze ich im ICE und zu meinen Füßen steht eine riesige Reisetasche. In ein paar Jahren werde ich mich vielleicht wieder erinnern, was ich an diesem Abend getragen habe. Oder vielleicht werde ich mich an die Frau erinnern, die verbissen ihre Tasten bearbeitet hat.

Ich erreiche Hamburg und die klassische Musik auf dem Bahnsteig der U-Bahn legt sich, wahrscheinlich wie gewünscht, entspannend auf mein nervöses, angespanntes Gemüt. Die enspannende Wirkung der Musik liegt im Wettstreit mit dem Besoffenen, der gerade wütend seine zweite Flasche Bier auf dem Boden geschmissen hat und schreiend die Scherben vor sich her kickt. Er hat keinen Sinn für klassische Musik – jedenfalls im Moment. Zum Glück kommt die U-Bahn und nimmt mich mit.
Bei meinem Weg zu meiner Bleibe für die Nacht sehe ich die ganzen Müllberge, die aufgrund des Streiks, die Straßenränder bestimmen. Ich weiß nicht auf was das alles hinaus laufen wird. Irgendetwas wird es schon sein.

An dem Tag, an dem ich damals ausgezogen bin trug ich einen schlecht sitzenden weißen Wollpullover und als ich nach zweistündiger Fahrt angekommen war, fiel mir etwas heiße Asche von der Zigarettenspitze auf meinen Arm und brennte ein beachtliches Loch in den Pullover…
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