Peers a) und b)
Als Peer sich gerade die Hose hochzog, hätte er nie gedacht, dass im selben Moment auf der anderen Straßenseite eine 53-jährige Frau, ein Foto von seinem blanken Arsch machte. An der Supermarktkasse, wo sie arbeitete, himmelte sie gerne alte Männer an. Männer wie seinen Vater. Hinter der Gardine versteckt stand Sie und mit mit ihrer neuen Digitalkamera, die sie zu Weihnachten von ihrem Sohn bekommen hatte, drückte Sie den Abzug. Wie konnte das passieren?
Drei Tage vorher:
Peer hatte gerade zwanzig Minuten damit verbracht, sich zu zwingen, Brot zu kaufen. Zwanzig Minuten waren etwas zu viel. Der Bäcker war der einzige weit und breit, der noch offen hatte, wenn Peer seinen Feierabend antrat. Seitdem ein neuer Verkäufer dort hinter dem Tresen stand fühlte sich Peer befangen, weil er glaubte, eindeutige Signale von ihm zu empfangen. Peer war nicht homophob, nur schüchtern. Und etwas widerstandslos. Und deshalb vielleicht doch ein wenig homophob – aus Selbstschutz. Nachdem sein Knäckebrotvorrat aufgebraucht war, kam er nicht umhin, Brot zu kaufen. Nachdem er also zwanzig Minuten in der Nähe des Bäckers auf und ab gegangen war, fand er genug Mut und Selbstverachtung. Er steuerte geradewegs auf das Geschäft zu um dort
a), festzustellen dass eine Frau hinter dem Tresen stand die gar nicht daran dachte Zeichen, eindeutig, zweideutig – völlig gleichgültig, in seine Richtung zu senden und
b), mit ansehen zu müssen, wie der Mann der vor ihm den Laden betreten hatte, das letzte Brot kaufte.
Peer entschied sich gerade für zwei altbackene Baguett-Brötchen, als sein Telefon klingelte:
“Mein Sohn!?!”
Überrascht, die Stimme seines Vaters am Ohr zu halten, taumelte er nach draußen. In seiner zusammengepressten Faust wurde das falsch abgezählte Wechselgeld warm. Wehrlos folgte er dem Befehl seines Vaters, ihn sofort zu besuchen. Er eilte nach Hause, packte ein paar Sachen, erkundigte sich nach einer Verbindung und erwischte gerade noch den letzten Zug.
Mit Schweiß unter den Achseln saß er im Bord-Bistro. Im Gepäck eine Zahnbürste, T-Shirts, Socken und eine Unterhose zu wenig. Er kam sehr spät am Bahnhof an und es dauerte einige Zeit, bis sein Vater ans Telefon ging:
“Was!?!”
“Kannst du mich, ähm, am Bahnhof ... abholen, aäh ich, ich bin jetzt da.”
“Was?!? Wieso das denn? Weißt du WIE SPÄT es ist???!
“Aber du hast – hier legte sein Vater auf – doch...”
Es dauerte fast eine Stunde, bis sein Vater vor dem Bahnhof vorfuhr. Peer stieg wortlos ein und schnallte sich an. Er fragte sich, wie man so lange brauchen konnte, um eine Trainingshose, Badelatschen, Tennissocken und einen Fleece-Pullover anzuziehen. Seinen Vater fragte er, was denn los war. Als sie zehn Minuten später in die Einfahrt seines Elternhauses einbogen hatte er immernoch keine Antwort bekommen. Schweigend öffnete sein Vater die Haustür und Peer folgte ihm:
“Ist Mama schon im Bett?”
“Deine Mutter hat mich verlassen.”
Ohne ein weiteres Wort verschwand sein Vater im Schlafzimmer.
Peer lag noch drei Stunden wach bevor er einschlief, um kurz darauf schweißgebadet aufzuwachen. Nun war er doch noch ein Scheidungskind.
Nachdem er auch am nächsten Tag nichts aus seinem Vater herausbrachte, was geordneten Phonemketten auch nur im entferntesten glich, entschloss er sich, seine Mutter anzurufen.
“Warum? Du fragst warum? Ich hätte deinen Vater viel früher verlassen sollen. Ich hätte ihn verlassen sollen, BEVOR ich ihn kennengelernt habe! Keine Sekunde länger halte ich es mit diesem Stück Fleisch aus. Keine Sekunde. Sonst müsste ich KOTZEN!”
Den Rest des Tages verbrachte Peer damit, den Anrufbeantworter seiner Eltern in den Anrufbeantworter seines Vaters umzuprogrammiern. Währenddessen saß sein Vater still neben ihm und trank Kaffee. Am Abend ging sein Vater in eine Kneipe und Peer saß allein vor dem Fernseher. Er glaubte es sei gut, wenn er in dieser schweren Zeit für seinen Vater da war. Als sein Vater aber bis Mitternacht immernoch nicht zurück war ging er ins Bett, um vom Schnarchen seines Vaters aufzuwachen. Naürlich schweißgebadet. Am nächsten Tag saß er mit tiefen Augenringen am Frühstückstisch, als sein Vater die Küche betrat, ihn musterte und Kopfschüttelnd wieder ging. Warum hatte er ihn angerufen? Warum hatte er herkommen sollen? Peer kam sein Kaffee wieder hoch. Selbst in diesem Moment hatte sein Vater noch genug Kraft, ihn zu demütigen. Wenn es das war, was sein Vater brauchte, dann bekam er es zu genüge. Das es einen unweigerlichen Kotzreiz nach sich zog, da konnte er seiner Mutter nur recht geben. Er ging nach oben in sein Zimmer um sich für die Abreise fertig zu machen, als er bemerkte, dass er eine Unterhose zu wenig eingesteckt hatte. Nach kurzem Überlegen entschloss er sich, unten ohne in die Jeans zu schlüpfen – und klick – das Foto war im Kasten.
Gisela verlor keine Zeit. Sie steckte die kleine Kamera auf die USB-Station, wie es ihr Sohn vorgemacht hatte, drückte den Print-Knopf und lauschte voller Demut dem Wunder der modernen Druckertechnik, die in hochglanz Peers Arsch auf teures Fotopapier zauberte. Danach steckte sie ihr neustes Werk in einen Umschlag, zog ihren Mantel an und lauerte am Küchenfenster.
Als Peer nun auf die Strasse trat um zur nächsten Bushaltestelle zu laufen, kam sie aufgeregt auf ihn zu gestöckelt. Peer kannte die neue Nachbarin seiner Eltern, bzw. seines Vaters noch nicht und ließ sie misstrauisch näher kommen. Sie sah ihn neckisch an, knuffte ihn und verschwand wieder in ihrem Haus. Peer war sprachlos. Er sah auf den weißen Umschlag, öffnete ihn und zog das Bild darin heraus. Da er schon sprachlos war blieb ihm nur Fassungslosikeit und die Erkenntnis dass
a) etwas in seinem Leben den falschen Weg eingeschlagen hatte und
b) dass er sich mindestens so oft am Arsch rasieren sollte wie im Gesicht.
Drei Tage vorher:
Peer hatte gerade zwanzig Minuten damit verbracht, sich zu zwingen, Brot zu kaufen. Zwanzig Minuten waren etwas zu viel. Der Bäcker war der einzige weit und breit, der noch offen hatte, wenn Peer seinen Feierabend antrat. Seitdem ein neuer Verkäufer dort hinter dem Tresen stand fühlte sich Peer befangen, weil er glaubte, eindeutige Signale von ihm zu empfangen. Peer war nicht homophob, nur schüchtern. Und etwas widerstandslos. Und deshalb vielleicht doch ein wenig homophob – aus Selbstschutz. Nachdem sein Knäckebrotvorrat aufgebraucht war, kam er nicht umhin, Brot zu kaufen. Nachdem er also zwanzig Minuten in der Nähe des Bäckers auf und ab gegangen war, fand er genug Mut und Selbstverachtung. Er steuerte geradewegs auf das Geschäft zu um dort
a), festzustellen dass eine Frau hinter dem Tresen stand die gar nicht daran dachte Zeichen, eindeutig, zweideutig – völlig gleichgültig, in seine Richtung zu senden und
b), mit ansehen zu müssen, wie der Mann der vor ihm den Laden betreten hatte, das letzte Brot kaufte.
Peer entschied sich gerade für zwei altbackene Baguett-Brötchen, als sein Telefon klingelte:
“Mein Sohn!?!”
Überrascht, die Stimme seines Vaters am Ohr zu halten, taumelte er nach draußen. In seiner zusammengepressten Faust wurde das falsch abgezählte Wechselgeld warm. Wehrlos folgte er dem Befehl seines Vaters, ihn sofort zu besuchen. Er eilte nach Hause, packte ein paar Sachen, erkundigte sich nach einer Verbindung und erwischte gerade noch den letzten Zug.
Mit Schweiß unter den Achseln saß er im Bord-Bistro. Im Gepäck eine Zahnbürste, T-Shirts, Socken und eine Unterhose zu wenig. Er kam sehr spät am Bahnhof an und es dauerte einige Zeit, bis sein Vater ans Telefon ging:
“Was!?!”
“Kannst du mich, ähm, am Bahnhof ... abholen, aäh ich, ich bin jetzt da.”
“Was?!? Wieso das denn? Weißt du WIE SPÄT es ist???!
“Aber du hast – hier legte sein Vater auf – doch...”
Es dauerte fast eine Stunde, bis sein Vater vor dem Bahnhof vorfuhr. Peer stieg wortlos ein und schnallte sich an. Er fragte sich, wie man so lange brauchen konnte, um eine Trainingshose, Badelatschen, Tennissocken und einen Fleece-Pullover anzuziehen. Seinen Vater fragte er, was denn los war. Als sie zehn Minuten später in die Einfahrt seines Elternhauses einbogen hatte er immernoch keine Antwort bekommen. Schweigend öffnete sein Vater die Haustür und Peer folgte ihm:
“Ist Mama schon im Bett?”
“Deine Mutter hat mich verlassen.”
Ohne ein weiteres Wort verschwand sein Vater im Schlafzimmer.
Peer lag noch drei Stunden wach bevor er einschlief, um kurz darauf schweißgebadet aufzuwachen. Nun war er doch noch ein Scheidungskind.
Nachdem er auch am nächsten Tag nichts aus seinem Vater herausbrachte, was geordneten Phonemketten auch nur im entferntesten glich, entschloss er sich, seine Mutter anzurufen.
“Warum? Du fragst warum? Ich hätte deinen Vater viel früher verlassen sollen. Ich hätte ihn verlassen sollen, BEVOR ich ihn kennengelernt habe! Keine Sekunde länger halte ich es mit diesem Stück Fleisch aus. Keine Sekunde. Sonst müsste ich KOTZEN!”
Den Rest des Tages verbrachte Peer damit, den Anrufbeantworter seiner Eltern in den Anrufbeantworter seines Vaters umzuprogrammiern. Währenddessen saß sein Vater still neben ihm und trank Kaffee. Am Abend ging sein Vater in eine Kneipe und Peer saß allein vor dem Fernseher. Er glaubte es sei gut, wenn er in dieser schweren Zeit für seinen Vater da war. Als sein Vater aber bis Mitternacht immernoch nicht zurück war ging er ins Bett, um vom Schnarchen seines Vaters aufzuwachen. Naürlich schweißgebadet. Am nächsten Tag saß er mit tiefen Augenringen am Frühstückstisch, als sein Vater die Küche betrat, ihn musterte und Kopfschüttelnd wieder ging. Warum hatte er ihn angerufen? Warum hatte er herkommen sollen? Peer kam sein Kaffee wieder hoch. Selbst in diesem Moment hatte sein Vater noch genug Kraft, ihn zu demütigen. Wenn es das war, was sein Vater brauchte, dann bekam er es zu genüge. Das es einen unweigerlichen Kotzreiz nach sich zog, da konnte er seiner Mutter nur recht geben. Er ging nach oben in sein Zimmer um sich für die Abreise fertig zu machen, als er bemerkte, dass er eine Unterhose zu wenig eingesteckt hatte. Nach kurzem Überlegen entschloss er sich, unten ohne in die Jeans zu schlüpfen – und klick – das Foto war im Kasten.
Gisela verlor keine Zeit. Sie steckte die kleine Kamera auf die USB-Station, wie es ihr Sohn vorgemacht hatte, drückte den Print-Knopf und lauschte voller Demut dem Wunder der modernen Druckertechnik, die in hochglanz Peers Arsch auf teures Fotopapier zauberte. Danach steckte sie ihr neustes Werk in einen Umschlag, zog ihren Mantel an und lauerte am Küchenfenster.
Als Peer nun auf die Strasse trat um zur nächsten Bushaltestelle zu laufen, kam sie aufgeregt auf ihn zu gestöckelt. Peer kannte die neue Nachbarin seiner Eltern, bzw. seines Vaters noch nicht und ließ sie misstrauisch näher kommen. Sie sah ihn neckisch an, knuffte ihn und verschwand wieder in ihrem Haus. Peer war sprachlos. Er sah auf den weißen Umschlag, öffnete ihn und zog das Bild darin heraus. Da er schon sprachlos war blieb ihm nur Fassungslosikeit und die Erkenntnis dass
a) etwas in seinem Leben den falschen Weg eingeschlagen hatte und
b) dass er sich mindestens so oft am Arsch rasieren sollte wie im Gesicht.
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