Im Zug sitzt mir eine Frau, vielleicht Mitte dreißig, gegenüber. Sie trägt eine unmoderne Kurzhaarfrisus und ziemlich langweilige Kleidung. Auf dem Tisch vor ihr steht ein IBM Thinkbook, älterer Generation, deren Tasten sie mit geübtem Zehnfingersystem bearbeitet. Aus einer Seitenfach ihrer Reisetasche ragt die aktuelle Ausgabe der Neuen Züricher Zeitung. Ich bemerke, dass bei ihr im Gegensatz zu mir, beim schreiben die Hände über der Tastatur schweben und sie nicht wie die Handballen auf dem Laptop oder dem Tisch ablegt. Sie hat es gelernt, während ich eine ziemlich wilde selbstgelernte fünf bis acht Fingertechnik ausübe. (Jetzt versuche ich auch, meine Hände beim schreiben schwebend über der Tastatur zu halten. Das funktioniert wirklich gut.) Sie ist nervös. Anscheinend hat sie das Gefühl, dass ich sie bei ihrer Arbeit beobachte, was stimmt, aber ich bin vorsichtig und eigentlich auch ziemlich sicher, dass sie es nicht bemerken kann. Also ist sie anscheinend eh ein nervöser Typ. Ständig setzt sie sich anders hin. Mal schlägt sie die Beine übereinander, mal stellt sie ihre Füße brav geschlossen nebeneinenander. Eigentlich wollte ich auch arbeiten, aber mein Rechner schläft ruhig in meiner Tasche. Ich hatte keine Lust und außerdem sitze ich in einem alten ICE, der nicht an jedem Platz eine Steckdose hat und da der Akku meines Rechners nur noch ein paar Prozent Leistung hat, habe ich ihn stecken lassen. Ich versuche aus dem Fenster zu sehen. Draußen ist es dunkel und was ich sehe ist mein Spiegelbild. Ich sehe müde aus. Auf meiner Stirn streifen Lichter vorbei, die draußen an der Strecke vorbei wischen. Ich erinnere mich an den Tag als ich meine Sachen gepackt habe und Zuhause ausgezogen bin. Ich kann mich erinnern was ich getragen habe und das ich vor Nervosität während der Autofahrt eine ganze Schachtel Zigaretten geraucht habe. Nun sitze ich im ICE und zu meinen Füßen steht eine riesige Reisetasche. In ein paar Jahren werde ich mich vielleicht wieder erinnern, was ich an diesem Abend getragen habe. Oder vielleicht werde ich mich an die Frau erinnern, die verbissen ihre Tasten bearbeitet hat.

Ich erreiche Hamburg und die klassische Musik auf dem Bahnsteig der U-Bahn legt sich, wahrscheinlich wie gewünscht, entspannend auf mein nervöses, angespanntes Gemüt. Die enspannende Wirkung der Musik liegt im Wettstreit mit dem Besoffenen, der gerade wütend seine zweite Flasche Bier auf dem Boden geschmissen hat und schreiend die Scherben vor sich her kickt. Er hat keinen Sinn für klassische Musik – jedenfalls im Moment. Zum Glück kommt die U-Bahn und nimmt mich mit.
Bei meinem Weg zu meiner Bleibe für die Nacht sehe ich die ganzen Müllberge, die aufgrund des Streiks, die Straßenränder bestimmen. Ich weiß nicht auf was das alles hinaus laufen wird. Irgendetwas wird es schon sein.
An dem Tag, an dem ich damals ausgezogen bin trug ich einen schlecht sitzenden weißen Wollpullover und als ich nach zweistündiger Fahrt angekommen war, fiel mir etwas heiße Asche von der Zigarettenspitze auf meinen Arm und brennte ein beachtliches Loch in den Pullover…