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Als wäre ich Luft

Es ist kurz nach sieben Uhr am Morgen. Ich sitze im Bordbistro eines Regionalexpress. Ich bin der einzige Fahrgast, und trotzdem ist es, als wäre ich Luft und nicht mehr. Aber was wäre, wenn ich in diesem einen Moment mehr wäre als Luft? Was würde sich wirklich ändern? Sicher, sie würde sich anders verhalten. Aber wäre dass ein wirklicher Unterschied, ein wichtiger, ausschlaggebender? Schließlich ist es auch nur ein Zufall das ich hier sitze, kurz nach sieben Uhr, während alle noch zu schlafen scheinen – außer dem Personal, hoffentlich. Auch das ich hier bin ist nicht üblich für mich. Einen Kaffee zu trinken schon, aber nicht hier und zu dieser Uhrzeit. Für sie schon: Die Zugschaffnerin. Jedenfalls hörte es sich gerade so an:
„Du bist fast zu spät gekommen.“
„Ich hatte noch genau fünf Minuten als ich mein Auto geparkt hab, das reicht immer.“
„Meinst du! Wie immer, Kaffee?“
„Was sonst.“
Es ist ihr Ort, ihre Umgebung, ihre Vertrautheit in der ich mich befinde ohne ein Teil zu sein. Es ist zu früh um wirklich ein Gast zu sein. Ihr Arbeitsbeginn, meine durchgemachte Nacht. Ich bin ein ungesehener Gast. Ich habe Augen, aber bin ich im Besitz eines Körpers? Bin ich denn wirklich ihr gegenüber? Sie sitzt hier, direkt vor meinen Augen. Sie sitzt mir gegenüber. Ich bin nicht in der Lage etwas anderes zu tun, als sie zu beobachten. Mein Buch, das ich noch bis vor einer halben Stunde mit Interesse las, habe ich vergessen, mit ins Bordbistro zu nehmen. Keine Zeitungen, die einem die Möglichkeit geben, sich abwesend zu fühlen. Der Blick aus dem Fenster ist zu fern. Nur sie bleibt übrig, was nicht unangenehm ist, was aber auch nicht bedeutet dass sie besonders hübsch ist, zumindest zu diesem Zeitpunkt, früh morgens. Nicht nur ich weiß das. Würde sie sich sonst ständig, mit flüchtigem Seitenblick, ihrem Spiegelbild widmen, dass ihr, von dem mit voller Offenheit hässlichen Speisewagonspiegel, präsentiert wird? Sie kämpft mit ihren Haaren, versucht sie zu bändigen, mit ruckhaften Strichen hinter die Ohren zu sperren. Sogar ich sehe, dass die Haare die bessere Ausgangsposition haben. Ich bin ein Besucher im Stadion. Heute gibt es einen Zweikampf. Ich glaube, ein Fachmann zu sein, mit dem Wunsch sein Wissen mitzuteilen. Und ich stelle mir vor wie ihre Ohren, auf welchen ihre Siegeshoffnungen beruhen, rot werden bei meinen Worten:
„Deine Frisur ist heute einfach beschissen und wird es bleiben und deine Ohren, obwohl es gute Ohren sind, sind die letzten die etwas dagegen tun können.“
So trinke ich den letzten Schluck meines Kaffees, stehe auf und gehe unbeachtet zurück in mein Abteil.
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The trick is to keep breathing

Im Zug sitzt mir eine Frau, vielleicht Mitte dreißig, gegenüber. Sie trägt eine unmoderne Kurzhaarfrisus und ziemlich langweilige Kleidung. Auf dem Tisch vor ihr steht ein IBM Thinkbook, älterer Generation, deren Tasten sie mit geübtem Zehnfingersystem bearbeitet. Aus einer Seitenfach ihrer Reisetasche ragt die aktuelle Ausgabe der Neuen Züricher Zeitung. Ich bemerke, dass bei ihr im Gegensatz zu mir, beim schreiben die Hände über der Tastatur schweben und sie nicht wie die Handballen auf dem Laptop oder dem Tisch ablegt. Sie hat es gelernt, während ich eine ziemlich wilde selbstgelernte fünf bis acht Fingertechnik ausübe. (Jetzt versuche ich auch, meine Hände beim schreiben schwebend über der Tastatur zu halten. Das funktioniert wirklich gut.) Sie ist nervös. Anscheinend hat sie das Gefühl, dass ich sie bei ihrer Arbeit beobachte, was stimmt, aber ich bin vorsichtig und eigentlich auch ziemlich sicher, dass sie es nicht bemerken kann. Also ist sie anscheinend eh ein nervöser Typ. Ständig setzt sie sich anders hin. Mal schlägt sie die Beine übereinander, mal stellt sie ihre Füße brav geschlossen nebeneinenander. Eigentlich wollte ich auch arbeiten, aber mein Rechner schläft ruhig in meiner Tasche. Ich hatte keine Lust und außerdem sitze ich in einem alten ICE, der nicht an jedem Platz eine Steckdose hat und da der Akku meines Rechners nur noch ein paar Prozent Leistung hat, habe ich ihn stecken lassen. Ich versuche aus dem Fenster zu sehen. Draußen ist es dunkel und was ich sehe ist mein Spiegelbild. Ich sehe müde aus. Auf meiner Stirn streifen Lichter vorbei, die draußen an der Strecke vorbei wischen. Ich erinnere mich an den Tag als ich meine Sachen gepackt habe und Zuhause ausgezogen bin. Ich kann mich erinnern was ich getragen habe und das ich vor Nervosität während der Autofahrt eine ganze Schachtel Zigaretten geraucht habe. Nun sitze ich im ICE und zu meinen Füßen steht eine riesige Reisetasche. In ein paar Jahren werde ich mich vielleicht wieder erinnern, was ich an diesem Abend getragen habe. Oder vielleicht werde ich mich an die Frau erinnern, die verbissen ihre Tasten bearbeitet hat.

Ich erreiche Hamburg und die klassische Musik auf dem Bahnsteig der U-Bahn legt sich, wahrscheinlich wie gewünscht, entspannend auf mein nervöses, angespanntes Gemüt. Die enspannende Wirkung der Musik liegt im Wettstreit mit dem Besoffenen, der gerade wütend seine zweite Flasche Bier auf dem Boden geschmissen hat und schreiend die Scherben vor sich her kickt. Er hat keinen Sinn für klassische Musik – jedenfalls im Moment. Zum Glück kommt die U-Bahn und nimmt mich mit.
Bei meinem Weg zu meiner Bleibe für die Nacht sehe ich die ganzen Müllberge, die aufgrund des Streiks, die Straßenränder bestimmen. Ich weiß nicht auf was das alles hinaus laufen wird. Irgendetwas wird es schon sein.

An dem Tag, an dem ich damals ausgezogen bin trug ich einen schlecht sitzenden weißen Wollpullover und als ich nach zweistündiger Fahrt angekommen war, fiel mir etwas heiße Asche von der Zigarettenspitze auf meinen Arm und brennte ein beachtliches Loch in den Pullover…
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