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Hallpo

Das dunkle Firmanent, das geflickte Dach seiner Welt legte sich düster über die Gedanken des kleinen Jungen, der sich tief in seinem Inneren versteckt hielt. Er leckte das Salz seiner Tränen aus seinen Mundwinkeln und schmeckte den faden trockenen Geschmack der weißen Schminke. Er spürte ihn im Rücken, den Großmeister, den Jongleur, wie er das Gelächter der Meute in immer höhere Höhen warf, bis es das Firmament zu streifen drohte, alles wankte, bebte und zitterte. Die Meute, Raubtiere die sich näher um die Manege drängten um ihn zu zerfleischen, mit Ahs und Ohs und dem düsteren Gackern des Fließbandamusements. Nie würde er ihm gerecht werden.

Und jede neue Welle des Gelächters die gegen seine Tränen brandete, füllte den Schmerz, bis er dem kleinen Jungen bis zum Hals stand. Warum musste er immer ausgelacht werden?
***

Das Regal

Verkrampft vergrub er seine Hände in den ausgebeulten Taschen seiner Jacke. Mit seinen kalten Fingern spürte er die kleine Krümel, die Flusen und Fussel, die sich in seinen Taschen gesammelt hatten. Er knüllte und knubbelte, rieb und schnippte die Bällchen aus alten Papiertaschentuchresten in seiner Tasche hin und her, während er eilig durch die Straßen hastete. Wenn er nicht bald etwas essen würde, sein Magen würde sich nach innen stülpen – wahrscheinlich, und ihn komplett mit sich ziehen, in den unendlichen Strudel des Hungers. Zielstrebig steuerte er auf den Supermarkt zu, der um diese Zeit noch auf hatte. Das kalte Licht empfing ihn wie der Kühlschrank anderer Leute, den man ehrfürchtig öffnet und begeistert von der Vielfallt verzweifelt, weil man nicht weiß was man nehmen soll – und ob es auch okay ist.
Unschlüssig was er nun essen sollte schlich er durch die Regale. Mal warf er einen Blick hierhin, mal dorthin. Mal ließ er seine Hand über dies mal über das streifen. Was sollte er sich kaufen? Was sollte er essen? Nach der ersten Runde durch den gesamten Markt, kam er wieder am Anfang beim Gemüse an. Die erste Entscheidung reifte wie eine Frucht. Etwas gesundes, ökologisch vertretbares sollte es sein. Musste es sein. Eins, zwei, da stand er, vor dem Biogemüse. Er griff nach den Tomaten. Pasta. Aber Tomaten zu dieser Jahreszeit? Wo kamen die denn her. Er sah auf die Herkunft. Italien. Er fragte sich, was denn Bio an Tomaten sein soll, die durch halb Europa gekarrt werden müssen. Er legte die Tomaten zurück, als sein Blick auf die Biobananen aus Venezuela fiel. Bei Bio schien die Ökobilanz exklusive zu sein. Grummelnd suchte er das weite, da dass Bioangebot des Supermarktes, nichts weiter anbot als etwas mehr als nichts.

Sekunden später stand er wieder auf der Straße, die Hände in den Taschen. Knibbelnd, schnippend, friemelnd und seim Magen knurrte. So schlenderte er durch die dunkler werdende Stadt bis er vor einem neuen Drogeriemarkt stand. Ohne groß darüber nachzudenken, ging er hinein. Innen erwartete ihn eine wundervolle Überraschung. Ein großes Regal, auschließlich mit Bioprodukten. Ehrfürchtig stand er vor der Auswahl, die mehr war als eine breite Produktpalette. Es war ein Versprechen, dass sich die Dinge vielleicht doch ändern konnten. Hier gab es so viel. Systematisch scannte er die Fächer des Regals, bis er unten links auf etwas aussergewöhnliches stieß – Fertigsuppen. Und vorne auf der orangen Verpackung prangte groß und stolz das Biosiegel. Die knibbelnden Finger griffen zu. Das Geld klimperte in der Kasse und schon war er draußen. Kartoffelcremesuppe ohne Geschmacksverstärker. Auf die schnelle konnte er nicht finden wo die Herkunft aufgedruckt war.
***

Nur

"Du bist etwas besonderes."
Das war, was er von seiner Mutter mit auf dem Weg bekommen hatte. Und als er das Haus verließ und sich in seinen Kleinwagen quetschte, der bis unter das Dach vollgestopft war mit den Habseligkeiten die er in den paar Jahren angehäuft hatte, dachte er, dass es mehr nicht sein konnte. Als er in den Rückspiegel sah, stand sie da, in der Haustür stehend, winkend und er drehte sich nocheinmal zu ihr um ? und winkte. Das war nun soviele Jahre her. Fast soviele, wie er brauchte um das Haus zu verlassen. Als er sich damals aufmachte um zu studieren war seine Welt intakt, tick, tack. Jetzt sah seine Welt anders aus. Sie sah anders aus, hatte andere Farben, andere Töne und andere Gerüche. Es stank, war grau und eintönig laut.
Während diese Gedanken an den Innenseiten seiner Hirnrinde Steilwand fuhren kraulte er seinen Bauch, der seiner Wachstumsgarantie, im Gegensatz zu dem Immobilienfonds mit dem er letzte Woche auf die Nase gefallen war, durchaus nachkam. Das Spiegelbild das ihn gerade anwimmerte war erbärmlich ? weinerlich. "Du bist etwas besonderes," hatte sie gesagt. Das war ihre Meinung, sicherlich. Doch mit den Jahren hatte er sich immerwieder die Frage gestellt, ob seine Mutter das global meinte, oder lokal. Jegliche Beantwortung der Frage war jedoch verboten. Allein aufgrund des Respekts, den er seiner Mutter noch immer zugestand. Trotzdem, andere hatten von ihrer Mutter mitbekommen wie man seine Wäsche macht, seine Sachen in Ordnung hält, aufräumt oder sich in gesunden regelmäßigen Abständen etwas zu Essen kocht. All das musste er sich mühsam beibringe, musste er sich erkämpfen, darum ringen. Und nun? Was kam jetzt, nachdem seine Karriere stagnierte, die Finanzen kollabierten und seine Hormone nach Abwechslung gierten?
"Schatz kommst du runter? Das Frühstück! Der Kaffee ist fertig!"
"?klingt das nicht zärtlich?" Summte er vor sich hin. Sie gab sich ja so mühe.
"Ja, ich bin gleich soweit. Nur noch eine Minute." Er knöpfte sein Hemd von oben nach unten zu, hielt die Luft an und stopfte es in die Hose. "Du bist etwas besonderes" Das hatte sie ihm mitgegeben. Nur das?
***

Nebenan

Unruhig versuchte Norman den Haufen Papier, der nun schon eine Weile vor ihm lag, zu ordnen. Die Zeit lief davon. Er hörte sie ticken. Er hörte wie der Sand durch die Uhr rieselte. Er hörte die aufbrausende Stimme seines Chefs auf ihn zudonnern, wie das Grollen eines Unwetters. Ein Unwetter das zweifelsohne über ihn herein brechen würde, wenn er nicht schleunigst, seine Gedanken zusammen bekam und sich über den elendigen Schreibkram hermachen würde. Es war keine besonders kluge Idee, als er ihm vorgeschlagen hatte, den Rest der Arbeit zuhause zu erledigen, nur um etwas früher aus der stickigen Büroluft ins Freie zu kommen. Er hatte das Gefühl seine Kehle würde zugeschnürt vom Dunst der Kollegen, die gekrümmt vor ihren Rechner, in die Monitore krochen wie domestizierte Tiere. Was für ein Ort! Aber wo war er nun? Er saß in der Küche seiner kleinen Zweizimmerwohnung und starrte auf den antiken E-Herd, der unsinnigerweise direkt neben dem Kühlschrank stand und somit die Umweltschutzleistung des Gerätes grundlegend angriff. Platzmangel machte diese Anordnung unumgänglich. Der Stapel Papier vor ihm war unerforschter Dschungel und seine Machete war sonstwo. Ein Dickicht aus Zahlen, dass nur mit Konzentration und unendlichem Gleichmut gelichtet werden konnte. Aber wo sollte er die Konzentration hernehmen? Er saß in seiner kleinen Küche! Das war kein Arbeitsplatz. Kein aufgeräumter karger Raum, der Gedanken bündelte und Arbeit wie von allein vorantrieb. Doch das war noch lange nicht das Schlimmste. Das Schlimmste war die Nachbarwohnung. Er war noch nie dort, doch es war sicher, dass die Waschmaschine auf der anderen Seite der Wand stand, wo sein Küchenschrank nun zitterte. Hätte er den Platz gehabt umzuräumen, er hätte keine Sekunde gezögert. Aber diesen Platz hatte er nicht. Und nun war diese Waschmaschine in Betrieb. Und sie trieb es wild – seit Stunden. Jedenfalls kam es ihm so vor. Wieviele wohnten nebenan, dass dermaßen viel Wäsche anfällt? Das Zittern, Klappern und Scheppern seines Geschirrs im Schrank, legte ihn lahm während die Zeit zerfloß und das Papier wartete. Still starrte er vor sich hin, die Augen noch immer starr auf den Herd gerichtet, gaben kein Bild mehr weiter. Die Synapsen lagen brach und er selbst versank tief in seinen Gedankenströmen, wo Träume schwammen und planschten. Ihn vertraut wegzogen, von den Pflichten der Erwerbsarbeit. So sah er sich als Held einer spanndenden Geschichte, deren wirkliches Bild seiner angestellten Phantasie, zu groß war. Jedenfalls war er der Held, der Mittelpunkt in einer wilden Handlung, mit gefährlichen Wendungen voller tückischer Fallen. Aber er war dem allen gewachsen. Denn er war der Held dieses Traums. Er ganz allein, während um ihn herum seine Wohnung erzitterte, vom 1000 Umdrehungen Schleudergang, der das Donnern vorbereitete, dass ihm Nachmittags drohte, weil er – und das war sicher – es auf keinen Fall schaffen würde, bis dahin den Papierberg vor sich zu erklimmen. Aber das war egal, denn der Traum ließ ihn, auch wenn es nur für kurze Zeit war, fest daran glauben, er würde es schaffen. Trotz des Waschsalons nebenan.
***

Der Bordstein

Wenn Per es vorher gewußt hätte, er hätte sich eine andere Jacke genommen, oder einen Mantel. Etwas längeres, fast bis zum Knie wäre ideal. Dann könnte er sich auf die Jacke, oder den Mantel, setzen und hätte jetzt nicht einen so furchtbar kalten Arsch. Aber was half es, der falschen morgendlichen Entscheidung, welches Kleidungsstück nun das geeignete für den Tag sei, nachzutrauern. Die Milch war vergossen, der Arsch war kalt und seine Gedanken waren bei Reinhold Messners abgefrorenen Zehen. Konnte man einen Arsch amputieren? Wahrscheinlich nicht, er war ja keine Extremität im eigentlichen Sinne. In diesen Gedanken verloren wanderte sein Blick von der Haustür die er beobachten wollte nach unten, streifte den Gehweg gegenüber, tastete den Teer der Straße nach Rissen ab und kam schließlich bei seinen Füßen an. Die Schuhe waren zumindest warm. Kalte Füße hätten seiner Situation den Rest gegeben. Seiner Ausdauer einen Strich durch die Rechnung gemacht. Nun saß er, zuammengekauert, zitterend, mehr und mehr den Arsch verlierend auf dem Bordstein, gegenüber ihrer Wohnung, ohne zu wissen auf was er eigentlich wartete. Sein Blick bohrte sich in die dreckigen Ritzen zwischen den Pflastersteinen, die die Fahrbahn vom Gehweg trennten. Fast hätte er sie verpasst, wie sie auf der anderen Straßenseite um die Ecke kam – schnell von der Kälte gehetzt um sogleich im Hauseingang zu verschwinden. Sie hatte ihn nicht gesehen. Wieso auch. Wieso sollte sie nach einem Bekannten ausschau halten, der an einer Straße auf dem Bordstein saß. Die Wahrscheinlichkeit dieser Situation war dermaßen gering. Eigentlich hätte er auch aufstehen können und gehen. Was wollte er noch hier. Gab es noch einen Grund sitzen zu bleiben. Der einzige Grund war ja von ihr entdeckt zu werden um danach von Fragen durchlöchert nicht anders zu können, als zu antworten. Denn er selbst war zu feige. Er konnte nicht aufstehen, zur Klingel gehen und sich freiwillig stellen. Das konnte er nicht. Da würde er lieber seinen Arsch verlieren. Hier, auf dem Bordstein.
***

Arschpolonäse

Fortsetzung von "So wie er ihn schuf, so tat er's recht."

Mit Mühe legte Leo den Sicherheitsgurt an. Die Arbeit ging auf den Rücken und so kurz nach Feierabend fühlte sich seine Wirbelsäule an wie ein Brett. Der Gurt klickte ein und der Zündschlüssel glitt ins Schloß. Eine Drehung und nach kurzem eiern sprang der Motor an.

Währenddessen stand Kurt noch immer vor seinem Spint und genoß das Lachen seiner Kollegen. Er hatte es Leo gezeigt, dem alten Klugscheißer. Fröhlich streifte er sich durch seine Haare. Das Lachen war zu Ende und die beiden letzten die vom Trupp noch da waren standen an der Tür und glotzten ihn an.
"Was glotzt ihr so?"
"Sag mal Karl, willst du dir nicht mal deine Hose anziehen." Er sah an sich herunter und ließ mit sanftem Kreisen der Hüften seinen Pimmel hin und her baumeln.
"Nö, ich dachte wir machen noch 'ne Arschpolonäse." Die Jungs wandten sich zum gehen.
"Hey, kommt schon – ich bin auch freiwillig vorne!"
Die dünne Metalltür fiel ins Schloss und seine Zuschauer waren weg. Wieder sah er nach unten und sein Pimmel sah nach oben. Hektisch fummelte er seine Unterhose und seine Hose aus dem Schrank und zog sich an.

Leo schälte sich aus dem dichten Verkehr auf die Abbiegespur. Sein Hals war trocken und kratzig. Er stellte die Lüftung aus, obwohl er wußte, dass der wahre Grund ein anderer war. Routiniert lenkte er den Wagen in die Garage, stieg aus, ein Ächzen konnte er sich nicht verkneifen und wollte er sich auch nicht verkneifen. Sollte ruhig jeder wissen, dass er sich krumm und bucklig schuftete. Er ging auf die Haustür zu und kaum hatte er die erste der drei Stufen genommen ging die Tür auf und ihr Gesicht ging wie der Mond hinter dem Türrahmen auf. Wie aufmerksam, dachte er fast, als unter dem Mond eine bleiche, rissige Hand auftauchte, eine überfüllte Mülltüte fest umklammert.
"Schmeiß doch das bitte weg."
Wortlos nahm er die Tüte. Als er zur Tür zurückkam, war sie geschlossen. Er fingerte seinen Schlüssel zu Tage und und und.

Auf dem Tisch stand sein Teller. Daneben die Flasche. Sie stand am Herd. Wieso? Das Essen war doch fertig? Wieso stand sie immer da? Er setzte sich, ihr Rücken war nicht gesprächig. Lustlos stocherte er mit der Gabel in den Erbsen. Ein Griff. Ein Zischen und ein langer Zug. Das war besser. Er sah ihren Rücken an, wie sie da stand. Spielbein, Standbein – eine antike Statue aus der Epoche Ehe. Sie drehte sich zu ihm um, überrascht.
"Du isst ja gar nichts." Er lächelte, nahm noch einen Zug.
"Wie wär's mit 'ner Arschpolonäse?"
***

Klimpergeld

Die Hydraulik der Bustür seufzte mit ihm. Jedesmal wenn sie sich an einer Haltestelle aufschob, gepaart mit dem sanften Absinken zur Seite um den Leuten, gerade den Alten, oder den Müttern mit Kinderwägen, den Eintritt zu erleichtern. Mit ihnen kam der Luftzug, und in dieser Stadt, war der fast immer ein kalter. Er kam immer um die Ecke wie ein ungestühmer Fahrgast der sich vordrängelt, jedoch nicht mehr die Kurve bekam und deshalb direkt in sein kleines abgetrenntes Fahrerkabuff rauschte um sich dort zu kringeln und um sich an seinen rheumatischen Gelenken zu erwärmen. Nach dem Ungestühmen kamen die Fahrgäste. Viele hatten bereits eine Karte. Eine Monatskarte, oder eine Tageskarte die sie bereits an einer anderen Haltestelle an einem Automaten, einem Kiosk oder einem Kollegen gelöst hatten. Er bedauerte, dass die Tradition, sich in einem kleinen Kiosk eine Fahrkarte mit einem Päckchen Zigaretten zu holen, mehr und mehr verschwand. Er war sich fast sicher dass diese Tradition eher im Ruhestand sein würde als er. Trotz seines schlimmen Knies, das ihm jede Anfahrt verdeutlichte, wie schwer es wohl der Motor mit den Tonnen des Busses hatte. Es ächzte bei jedem Tritt aufs Gas. Er war nun schon so lange auf diesem Sessel, er hatte es gar nicht mehr nötig, sich zu konzentrieren, um die verschiedenen Fahrkarten im vorbeiwischen zu unterscheiden. Es reichte wenn er die Vorbeihuschenden im Augenwinkel betrachtete und sich um die Gäste kümmerte, die noch ein Ticket lösen mussten. Ihnen geduldig auf die Finger sehend, während sie mit nervösen Fingern durch die Münzen wühlten. Woher kam eigentlich die Nervosität der Leute? Sie stehen da, in einem Stadtbus und suchen nach Kleingeld. Da ist es normal, dass man nicht sofort die richtigen Münzen greift. Gut, viele seiner Kollegen, sahen nicht geduldig auf die Hände, sondern ungeduldig mal hierhin und mal dorthin, da würde auch er nervös werden. Was war schon an diesem Beruf, was man lieben konnte. Was einem jeden Morgen in die Knochen fuhr und ermöglichte dass man es jeden Tag tat, ohne zu versauern. Es war nichts besonderes hinter diesem großen Lenkrad zu sitzen, oder Menschen von A nach B zu bringen. Trotzdem war da etwas, dass er nicht vermissen mochte, Auch wenn es nur ganz klein war und nichts mit dem Fahren eines Busses zu tun hatte. Es war das bißchen Klimpergeld, dass von den Händen der Fahrgäste auf seine kleine Kasse prasselte und das schabende Geräusch, wenn er die einzelnen Münzen in die jeweiligen Schlitze schob und das ratschratsch, wenn er das Wechslegeld in die kleine Schale tanzen ließ. Er hatte keine Ahnung was so besonderes daran war. Aber etwas war da, schließlich saß er schon so lange auf diesem Sessel.
***

Der Schnee

Schlaftrunken rieb sie sich die Augen. Es war nicht oft der Fall, dass sie mitten in der Nacht aufwachte. Sie hatte einen tiefen Schlaf, einen glücklichen Schlaf. Sie gehörte zu den Menschen, die glücklich aufwachten. Einfach nur so, weil sie wieder wach war und nicht mehr müde und schlecht gelaunt. Nur jetzt war sie wach. Sie sah sich im Zimmer um. Der Vorhang war zugezogen, trotzdem fiel etwas Licht vom hungernden Mond durch die Ritzen. Das Zimmer lag so in dünnen Streifen erhellt, ruhig und friedlich in der Nacht. Der Platz neben ihr war leer. Sie hatte ihn gebeten die Nacht im Gästezimmer zu verbringen. Doch gleich danach tat es ihr leid, obwohl er nicht sauer war und vielleicht sogar Verständnis für sie hatte. Trotzdem blieb sie bei ihrer Bitte und ging allein ins Bett. Jetzt ärgerte sie sich über den kalten Platz neben ihr. Erst jetzt wurde ihr klar, dass sie nackt geschlafen hatte. Es musste die Gewohnheit sein nicht mehr allein im Bett zuliegen. Nun war es ihr unangenehm. Sie fühlte sich schutzlos ohne Kleider. Sie stand auf um sich ein T-Shirt überzuziehen. Als sie so im Zimmer stand, nackt vom Licht gestreift, sah sie aus dem Fenster und ihr Atem stockte. Es schneite. Sie trat ans Fenster und zog den Vorhang zur Seite. Es schneite tatsächlich und noch mehr, es war ein richtiger Schneesturm. Als sie zu Bett ging konnte man noch das kränkliche braungrün des Grases sehen, das schmutzig, kalt und feucht im Vorgarten wartete. Nun war der Boden dem Himmel fast einen Meter näher gekommen. Soviel Schnee in so kurzer Zeit hatte sie noch nie gesehen. Sie dachte kurz daran ihn zu wecken. Doch sie rührte sich nicht. Sie stand da und das Licht der Flocken tanzte auf ihrem Gesicht. Ihre Gedanken schweiften zurück zum Vorabend, zu dem Gespräch, zu seiner Frage. Hatte sie falsch reagiert? Vielleicht. Aber sie war überrascht und wollte allein sein. Nun war sie allein – nur der Schnee war bei ihr.
***

Schreibblockade

Ein kleines Zimmer. Die Wände waren weiß, sind aber mittlerweile vergilbt. In einer Ecke, ganz weit oben unter der Decke ist ein kleiner Riß. Der Riß ist nicht tief. Der Putz blättert etwas ab. Das ist alles. Das Zimmer ist spärlich aber bewußt eingeräumt. Es gibt eine Platz zum sitzen, Platz zum ausruhen, ein Arbeitsplatz der aus einem einfachen Tisch mit Stuhl besteht und neben dem einzigen Fenster an die Wand geschoben ist. Zusätzlich steht neben der Tür ein schmales unlackiertes Holzregal voller Bücher, hauptsächlich Taschenbücher. Das Regal ist tiefer als die Bücher. In den meisten Fächern stehen die Bücher deshalb bis nach vorne an den Rand geschoben. Im Hohlraum hinter den Büchern sammelt sich Staub an. Nur im obersten Fach sind die Bücher bis an die Wand nach hinten geschoben. In diesem Fach stehen hauptsächlich Nachschlagewerke; ein Lexikon und verschiedene Wörterbücher. Die Bücher sind nach hinten geschoben, weil vor den Büchern noch ein Stapel Notizblöcke und anderes Papier, neben einigen Bleistiften, liegt.
Der Schreibtisch wird regelmäßig benutzt. Das kann man eindeutig erkennen. Trotzdem ist er akkurat aufgeräumt und fast leer. Rechts liegt ein kleiner Notizblock, daneben ein Bleistift gleicher Marke wie die im Regal. Dazu noch ein Spitzer und eine kleine Tischlampe die nicht an ist, da genug Licht durch das Fenster scheint. Der Schreibtischstuhl ist ein einfacher weißer Holzstuhl. Auf dem Stuhl liegt ein rotes Sitzkissen auf dem ein Junger Man sitzt. Der Mann ist nach vorne gebeugt, den Kopf auf den rechten Arm abgestützt sieht er aus dem Fenster. Vor ihm liegt ein weißes Blatt Papier. Auf dem Blatt liegt ein silberner Kugelschreiber. Seine Augen sind starr und ausdruckslos nach draußen gerichtet.
Plötzlich weiten sich seine Augen, etwas Leben kehrt zurück. Er greift zu dem Kugelschreiber, setzt sich aufrecht hin, läßt die Mine aus dem Stift poppen und schreibt rechts oben: 15.Februar 2006. Dann hält er kurz inne und sieht wieder aus dem Fenster. Den Kugelschreiber noch immer in der Hand, nervös, wartend, trostlos.
***

Gestöber

Der Fernseher und der Ausblick aus seinem Zimmer krisselten um die Wette. Aus dem gleichen Grund. Obwohl es beim Fernseher eine indirekte Auswirkung war und beim Fenster eine direkte. Draussen wütete ein Schneesturm. Wenn er aus dem Fenster sah konnte er die Bäume und den Garten nur noch schemenhaft erkennen. Was zur Folge hatte, dass seine Satantenne auf dem Dach das Programm auch nur noch schemenhaft erkennen konnte. Ein paar Minuten quälte er sich noch mit dem unkenntlichen Programm, bevor er den Fernseher ausschaltete und gelangweilt dem Krisseln live zusah. Er hatte den Schnee satt, dieses weiße "Geschenk" vom Himmel. Er konnte das aufgeregte Kichern der Touristen nicht mehr hören, wenn sie sich bei ihm Skier oder Schlitten ausliehen um sich ihre Beine zu brechen.
Er sah auf die Uhr und atmete, atmete, atmete, seufzte, atmete und stemmte sich aus dem Sessel. Mechanisch griff er zu seiner Hose die über der Sessellehne lag und schlüpfte in die gebügelten Röhren. Nachdem er das Unterhemd und T-Shirt in die Hose gesteckt hatte ließ er sich wieder in den Sessel fallen nur um gleich darauf wieder aufzustehen um sich Pullover, Jacke und Schuhe überzustreifen. Er mußte zur Arbeit – schon wieder. War er nicht erst die letzten x-tausend Tage zur Arbeit gelangweilt?
Ja das war er.
Ja das war.
Wütend trat er gegen die verschlossene Haustür. Dumpf pochte der Schmerz in seinen Zehen. Sein Herz klopfte. Er öffnete die Tür, schloß sie wieder. Öffnete sie – und schloß sie wieder. Öffnete, schloß, öffnete – und schloß sie hinter sich. Der Wind pfiff, das Krisseln umhüllte ihn kalt und eisig. Er kramte in seiner Hosentasche nach dem Schlüssel, fand ihn und im nächsten Moment stand er wieder im Haus. Diesesmal hatte er die Tür nicht geschlossen. Er hatte sie so fest zugeschlagen, dass es unsicher war ob man sie jemals wieder öffnen würde können. Im übernächsten Moment stand er neben dem Telefon. Dem Moment danach wählte er und dann war sie am Telefon, mit ihrer süßen, sanften Engelsstimme.
"Ich scheiß auf euch, ihr könnt mich alle mal!" brüllte er mit allem was er hatte und knallte den Hörer auf die Gabel. Er war ausser Atem. Das Telefon klingelte. Er nahm ab.
"Sag mal – Chris – warst du das? Gerade?" Ihre Stimme war so honigsüß.
"Was? Nein, was meinst du? Ich, ich war gerade – auf, auf dem Weg."
"Okay – bis gleich Chris."
"Ja." Der Hörer lag nun wieder auf der Gabel, daneben seine Hose und aus dem Wohnzimmer rauschte der Fernseher. Das Telefon klingelte.
***