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8. Aug. 07, 19:07
Nehmen wir einen Mann an, mit graumelierten Haaren. Kurz geschoren, vielleicht zwei Zentimeter lang. Er hat breite Schultern und vielleicht auch einen kleinen Bauchansatz, den wir nicht sehen können, weil er mit dem Rücken zu uns sitzt. Aber der Bauchansatz ist da, muss da sein.
Im linken Ohrläppchen zittert im Rucken der Bahn ein goldener Ohrring, kein Ohrstecker – ein Ring. Recht groß. Könnte einer zierlichen Frau als Ring für den kleinen Finger dienen.
Wir sitzen in einem Zug.
Der Mann hat sich eine Tomatensuppe bestellt.
Wir sitzen im Bord-Restaurant des Zugs.
Die Tomatensuppe ist das billigste Gericht auf der Karte. Dazu trinkt er Radler.
Radler ist nicht das billigste Getränk auf der Karte.
Der breite Rücken kommt vielleicht vom Training oder er ist Veranlagung. Nehmen wir an, er kommt von der Arbeit an einem Gerät, dass die Bildung eines breiten Nacken begünstigt. Dem Mann gegenüber, unter der Bank, steht/liegt sein großer Rollkoffer.
Die freundliche Bedienung geht durch den Mittelgang, an dem Mann vorbei, weiter in das Abteil der ersten Klasse. Ihre dunkelblaue Stoffhose spannt sich begünstigend über ihren schönen Arsch. Der Mann beugt sich zur Seite und starrt auf diesen begünstigten Arsch, bis er nicht mehr sichtbar im übernächsten Abteil verschwindet. Danach saugt er, mit dem der Suppe beiliegendem Brötchen, das letzte Bisschen aus der kleinen weißen Schüssel und lehnt sich zufrieden zurück. Dabei lässt er den Blick abschätzend durchs Abteil schweifen. Er trägt ein dunkelblaues Poloshirt von Baldessarini. Es trennt ihn von den Jungs.
***
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17. May. 07, 21:12
Als Peer sich gerade die Hose hochzog, hätte er nie gedacht, dass im selben Moment auf der anderen Straßenseite eine 53-jährige Frau, ein Foto von seinem blanken Arsch machte. An der Supermarktkasse, wo sie arbeitete, himmelte sie gerne alte Männer an. Männer wie seinen Vater. Hinter der Gardine versteckt stand Sie und mit mit ihrer neuen Digitalkamera, die sie zu Weihnachten von ihrem Sohn bekommen hatte, drückte Sie den Abzug. Wie konnte das passieren?
Drei Tage vorher:
Peer hatte gerade zwanzig Minuten damit verbracht, sich zu zwingen, Brot zu kaufen. Zwanzig Minuten waren etwas zu viel. Der Bäcker war der einzige weit und breit, der noch offen hatte, wenn Peer seinen Feierabend antrat. Seitdem ein neuer Verkäufer dort hinter dem Tresen stand fühlte sich Peer befangen, weil er glaubte, eindeutige Signale von ihm zu empfangen. Peer war nicht homophob, nur schüchtern. Und etwas widerstandslos. Und deshalb vielleicht doch ein wenig homophob – aus Selbstschutz. Nachdem sein Knäckebrotvorrat aufgebraucht war, kam er nicht umhin, Brot zu kaufen. Nachdem er also zwanzig Minuten in der Nähe des Bäckers auf und ab gegangen war, fand er genug Mut und Selbstverachtung. Er steuerte geradewegs auf das Geschäft zu um dort
a), festzustellen dass eine Frau hinter dem Tresen stand die gar nicht daran dachte Zeichen, eindeutig, zweideutig – völlig gleichgültig, in seine Richtung zu senden und
b), mit ansehen zu müssen, wie der Mann der vor ihm den Laden betreten hatte, das letzte Brot kaufte.
Peer entschied sich gerade für zwei altbackene Baguett-Brötchen, als sein Telefon klingelte:
“Mein Sohn!?!”
Überrascht, die Stimme seines Vaters am Ohr zu halten, taumelte er nach draußen. In seiner zusammengepressten Faust wurde das falsch abgezählte Wechselgeld warm. Wehrlos folgte er dem Befehl seines Vaters, ihn sofort zu besuchen. Er eilte nach Hause, packte ein paar Sachen, erkundigte sich nach einer Verbindung und erwischte gerade noch den letzten Zug.
Mit Schweiß unter den Achseln saß er im Bord-Bistro. Im Gepäck eine Zahnbürste, T-Shirts, Socken und eine Unterhose zu wenig. Er kam sehr spät am Bahnhof an und es dauerte einige Zeit, bis sein Vater ans Telefon ging:
“Was!?!”
“Kannst du mich, ähm, am Bahnhof ... abholen, aäh ich, ich bin jetzt da.”
“Was?!? Wieso das denn? Weißt du WIE SPÄT es ist???!
“Aber du hast – hier legte sein Vater auf – doch...”
Es dauerte fast eine Stunde, bis sein Vater vor dem Bahnhof vorfuhr. Peer stieg wortlos ein und schnallte sich an. Er fragte sich, wie man so lange brauchen konnte, um eine Trainingshose, Badelatschen, Tennissocken und einen Fleece-Pullover anzuziehen. Seinen Vater fragte er, was denn los war. Als sie zehn Minuten später in die Einfahrt seines Elternhauses einbogen hatte er immernoch keine Antwort bekommen. Schweigend öffnete sein Vater die Haustür und Peer folgte ihm:
“Ist Mama schon im Bett?”
“Deine Mutter hat mich verlassen.”
Ohne ein weiteres Wort verschwand sein Vater im Schlafzimmer.
Peer lag noch drei Stunden wach bevor er einschlief, um kurz darauf schweißgebadet aufzuwachen. Nun war er doch noch ein Scheidungskind.
Nachdem er auch am nächsten Tag nichts aus seinem Vater herausbrachte, was geordneten Phonemketten auch nur im entferntesten glich, entschloss er sich, seine Mutter anzurufen.
“Warum? Du fragst warum? Ich hätte deinen Vater viel früher verlassen sollen. Ich hätte ihn verlassen sollen, BEVOR ich ihn kennengelernt habe! Keine Sekunde länger halte ich es mit diesem Stück Fleisch aus. Keine Sekunde. Sonst müsste ich KOTZEN!”
Den Rest des Tages verbrachte Peer damit, den Anrufbeantworter seiner Eltern in den Anrufbeantworter seines Vaters umzuprogrammiern. Währenddessen saß sein Vater still neben ihm und trank Kaffee. Am Abend ging sein Vater in eine Kneipe und Peer saß allein vor dem Fernseher. Er glaubte es sei gut, wenn er in dieser schweren Zeit für seinen Vater da war. Als sein Vater aber bis Mitternacht immernoch nicht zurück war ging er ins Bett, um vom Schnarchen seines Vaters aufzuwachen. Naürlich schweißgebadet. Am nächsten Tag saß er mit tiefen Augenringen am Frühstückstisch, als sein Vater die Küche betrat, ihn musterte und Kopfschüttelnd wieder ging. Warum hatte er ihn angerufen? Warum hatte er herkommen sollen? Peer kam sein Kaffee wieder hoch. Selbst in diesem Moment hatte sein Vater noch genug Kraft, ihn zu demütigen. Wenn es das war, was sein Vater brauchte, dann bekam er es zu genüge. Das es einen unweigerlichen Kotzreiz nach sich zog, da konnte er seiner Mutter nur recht geben. Er ging nach oben in sein Zimmer um sich für die Abreise fertig zu machen, als er bemerkte, dass er eine Unterhose zu wenig eingesteckt hatte. Nach kurzem Überlegen entschloss er sich, unten ohne in die Jeans zu schlüpfen – und klick – das Foto war im Kasten.
Gisela verlor keine Zeit. Sie steckte die kleine Kamera auf die USB-Station, wie es ihr Sohn vorgemacht hatte, drückte den Print-Knopf und lauschte voller Demut dem Wunder der modernen Druckertechnik, die in hochglanz Peers Arsch auf teures Fotopapier zauberte. Danach steckte sie ihr neustes Werk in einen Umschlag, zog ihren Mantel an und lauerte am Küchenfenster.
Als Peer nun auf die Strasse trat um zur nächsten Bushaltestelle zu laufen, kam sie aufgeregt auf ihn zu gestöckelt. Peer kannte die neue Nachbarin seiner Eltern, bzw. seines Vaters noch nicht und ließ sie misstrauisch näher kommen. Sie sah ihn neckisch an, knuffte ihn und verschwand wieder in ihrem Haus. Peer war sprachlos. Er sah auf den weißen Umschlag, öffnete ihn und zog das Bild darin heraus. Da er schon sprachlos war blieb ihm nur Fassungslosikeit und die Erkenntnis dass
a) etwas in seinem Leben den falschen Weg eingeschlagen hatte und
b) dass er sich mindestens so oft am Arsch rasieren sollte wie im Gesicht.
***
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skek
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27. Oct. 06, 09:44
Bleistifte sind ein Segen. Sie schreiben alles auf, notieren jede Kleinigkeit drumherum. Viel genauer als andere Stifte das tun. Kugelschreiber sind viel unsensibler, technischer. Der Bleistift schreibt, während er deine Geschichte schreibt, die eigene gleich mit und du kannst sie lesen. Peer liebt das kratzen der Spitze auf dem Papier, wenn sich der frisch gespitzte Stift durch weiches Papier gräbt, es zur Seite schiebt um seine Spur in Worte zu fassen. Er liebt es so sehr, dass er den Kopf leicht zur Seite neigt und auf seine Unterlippe beißt. Er liebt es so sehr, dass er vergisst zu blinzeln. Er liebt es fast so sehr, dass seine Augen brennen, aber dann blinzelt er doch und während er seinen Namen schreibt, muss er an Moses denken, wie er die Hebräer aus Ägypten führt, mit der Hilfe Gottes das rote Meer teilt, wie der Stift das Papier. P ... e ... das auserwählte Volk, zwischen Wassermassen, links und rechts Haushoch aufgetürmt, ehrfürchtig vor der Macht Gottes ... e ... r ... auf den Fersen die Gesandten des Pharaos K ... n ... o ...p ... f, die nachdem das Volk Moses durch die Fluten gezogen waren ... d ... r ... u in den zusammenstürzenden Steilwänden aus Wasser c ... k den Tod fanden. Peer sieht auf seinen Namen, die Furchen im Zellstoff. Es ist kein gleichmäßiger Graben, sondern ein seismisches Zeugnis der Empfindungen, die ihn bestimmen, während er seinen Namen schreibt. Empfindungen die vielleicht ihren Ursprung im Gestern, oder im Schonvorjahren haben. Das tiefe Loch im ersten P, gefolgt von dem leicht tänzelnden Kratzern der letzten Buchstaben. Das unsichere Suchen nach dem richtigen Weg, zu Beginn des Nachnamens und das zaudernde Zweifeln zum Schluss, ob des gewählten Wegs. Mit einem Bleistift in weiches Papier geschrieben, wird ein Autogramm zur Autobiografie und mit einem Kugelschreiber, wäre es gerade einmal eine Schlagzeile ? vielleicht. Der Inhalt muss nicht Weltbewegend sein, nur ein Name. Peer bemerkt wie er sich treiben lässt und seine Gedanken Zuckerweich werden und viel zu Süß. Er betrachtet den Bleistift, den er gerade aus dem Regal mit den Bleistiften der Härte B1 gezogen hat. Eigentlich fast zu weich um nur damit zu schreiben. Mit diesem Stift sollte man Zeichnen, nicht nur einen Namen auf ein Stück zerknittertes Papier kritzeln. Er betrachtet die in den Bleistift geprägte Schrift, befühlt sie mit der kleinen Fingerspitze und reibt sich mit der anderen Hand den noch immer schiefen Nacken. Dabei sieht er ein Paar Beine, die aus einem dunkelgrauen Rock zu Boden fallen. Wie lange die da schon stehen? Sein Blick krabbelt behutsam an den Knien vorbei, den Rock entlang über den hellblauen Pullover, zwischen den Brüsten ? hier braucht er vielleicht etwas zu lang ? zum Hals und dann ins Gesicht. Lächeln, Wimpern, lange Wimpern, Zwinkern. Dieser Wimperntusch und Peer ist wieder hier, in dem kleinen Schreibwarenladen. Peer wird wieder wach, die Verkäuferin steht da sicher schon länger: ?Kann ich ihnen helfen?? Peer legt den Stift zurück ins Fach B1, schüttelt schüchtern den Kopf, ?Nein? will er sagen.
Bevor er lächelnd an ihr vorbei ins Freie geht, fällt sein Blick noch einmal auf seinen Namen, der nun hier geschrieben steht, in ihrer Nähe. Jetzt steht er wieder draußen an einen lauten Straße, aber seine Gedanken halten noch den Bleistift. Und er ärgert sich ein bisschen. Hätte er doch auch seine Telefonnummer auf das Zettelchen geschrieben.
***